Berufsverband Deutscher Nervenärzte in Niedersachsen


Köln: Neurologen- und Psychiatertag 2016
Neue Erkenntnisse der Neurowissenschaften fordern gesellschaftliches Engagement
„Gesicht zeigen“. Mit dieser Aufforderung an seine Kollegen zum stärkeren gesellschaftlichen Engagement eröffnete Dr. Frank Bergmann, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte (BVDN), den diesjährigen Neurologen- und Psychiatertag in Köln. Die aktuellen Erkenntnisse der Neurowissenschaften forderten dieses Engagement, auch angesichts der aktuellen Herausforderungen, der Behandlung tausender traumatisierter Flüchtlinge und der Cannabis-Debatte.

Elbert: Folter und extremer, fortdauernder Stress haben verheerende Folen auf das Gehirn 
© änd-Archiv 

Bergmann geht davon aus, dass sich die gesellschaftliche Bedeutung Neurologen, Nervenärzte, Psychiater und Psychotherapeuten in den nächsten Jahren deutlich steigern werde. Die wachsende Nachfrage nach neurologisch-psychiatrischen Leistungen habe in den vergangenen Jahren schon zu zweistelligen Umsatzsteigerungen dieser Fachgruppen geführt. „Bis 2025 kann sich unser Einkommen verdoppeln“, meinte Bergmann, allerdings mit einem Augenzwinkern.

Explosionsartige Wissensvermehrung in den Neurowissenschaften

Die wachsende Nachfrage hänge eng zusammen mit der „explosionsartigen Wissensvermehrung“ im Bereich der Gehirnforschung. Bergmann ist überzeugt, dass daraus ganz neue therapeutische und präventive Ansätze erwachsen. „Unsere Fachgruppen müssen teilhaben an den aktuellen Forschungsergebnissen der Neurowissenschaften, denn sie verändern nicht nur die Sichtweise auf die Entstehungsbedingungen und die Dynamik neurologischer und psychischer Erkrankungen, sondern auch die Therapiekonzepte“, so Bergmann.

Heute wisse man zum Beispiel, dass Gewalterfahrungen während der Schwangerschaft und früher Kindheit epigenetische Veränderungen hervorrufen. Traumatische Erfahrungen hätten nachhaltigen Einfluss, zum Beispiel auf die Fähigkeit zu lernen. Diese Erkenntnisse gingen weit über ärztliche und psychotherapeutische Tätigkeiten hinaus. Als Konsequenz daraus forderte Bergmann: „Wir müssen uns weitaus umfänglicher einmischen mit klarem gesellschaftlichem Bezug“, aktuell in der Flüchtlingsproblematik.

Traumatisierender Stress bewirkt „neuronalen Untergang“

Prof. Dr. Dieter Braus, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
 Wiesbaden, schloss sich Bergmanns Aufruf an. Braus forderte die Kollegen auf, Stellung zu beziehen gegen „Islamismus und infantilen Populismus“. Die Nervenheilkunde sei dazu berufen, denn sie habe „den Mensch im Blick und das Gehirn im Focus“. 

Traumatischer Stress zum Beispiel führe zum „neuronalen Untergang“, wies Braus anhand aktueller Studien über den Einfluss von Gewalt auf das neuronale System nach. In der frühen Kindheit und der Adoleszenz gebe es „hoch sensitive Zeitfenster“ für Stress und microaktive Veränderungen des Gehirns mit Folgen wie ADHS, depressive und Kognitionsstörungen mit Einfluss auf die finale Leistungsfähigkeit des Gehirns. 

„Erstaunt“ zeigte sich Braus über die Pressekampagne zur Freigabe von Cannabis. Es sei erwiesen, dass der Konsum insbesondere vor dem 18. Lebensjahr „hochsignifikante Effekte auf die finale Ausstattung des Gehirns“ habe. „Hier sollten wir uns einmischen, wir erleben die Probleme täglich in der Praxis“, meinte Braus.

Die Inzidenz von Demenz nehme entgegen der verbreiteten Auffassung nicht zu, führte Braus an Hand aktueller Studien aus den USA und England aus. In Abhängigkeit vom Bildungsgrad nehme die Inzidenz von Demenz ab und die kardiovaskuläre Gesundheit zu. „Bildung ist der Schlüssel“, so Braus.

Auch bei MS kognitive Probleme therapieren

Auf den bisher eher vernachlässigten kognitiven Leistungsabfall bei MS-Kranken wies PD Dr. Iris-Katharina Penner, Neuropsychologin von der Uni Düsseldorf, hin. Fast alle MS-Patienten litten auch unter Fatigue, jeder zweite leide unter Depressionen und kognitiven Problemen. Während bei den behandelnden Ärzten die physische Problematik im Mittelpunkt stünde, erlebten die Patienten vor allem Einschränkungen der mentalen Vitalität als belastend. 

In den ersten fünf Jahren der Erkrankung sei auch eine Progression der kognitiven Beeinträchtigungen zu beobachten. „Trigger ist die Inflammation“, so Penner. Die kognitiven Defizite seien Ergebnis einer Netzwerkstörung bis hin zum „Netzwerkkollaps“.

Die bei MS festzustellenden Aktivierungen auch von Hirnregionen, die nicht mit spezifisch kognitiven Aufgaben assoziiert seien, seien bisher als positives Zeichen der Plastizität gedeutet worden. Heute wisse man, dass es sich dabei auch um Maladaptionen handele. 

Mit motorischem Training und gezieltem Training des Arbeitsspeichers des Gehirns könne man dem kognitiven Leistungsabfall entgegen wirken. Die Gehirnstruktur werde positiv verändert, noch Monate nach dem Training. „Das ist ganz wichtig für den Alltag der Patienten und sollte von den Krankenkassen finanziert werden“, verlangte Penner. Es fehle auch an Forschungsgeldern für die neuro-physiologische Rehabilitation bei MS.

Verheerende Folgen für Generationen

Welche verheerenden Folgen Folter und extremer, fortdauernder Stress auf das Gehirn haben, zeigte Prof. Thomas Elbert von der Uni Konstanz. „Über transiente Bedrohungen und sozialen Ausschluss bis hin zu chronischen Stressoren unsicherer Umwelten, lösen Stressoren nicht nur phasische Reaktionen aus, sondern reorganisieren Struktur und Funktion von Epigenom, Gehirn und Geist“, so Elbert.

Die Veränderungen des Epigenoms seien über Generationen hinweg nachweisbar. Studien in den Favelas von Rio de Janeiro hätten gezeigt, dass zum Beispiel fortdauernde Gewalt durch den Partner zu eine veränderten Mythelierung führe, mit Veränderungen beim ungeborenen Kind und dessen Eizellen, falls es weiblich sei. Die Folgen dieser Veränderungen, so Elbert zeigten sich in seelischen Erkrankungen wie Angst und Depression sowie Persönlichkeitsstörungen, aber auch in körperlichen Erkrankungen wie Diabetes oder kardiovaskuläre Erkrankungen.

Spezifische Therapieansätze können helfen

Mit spezifischen Therapieansätzen sei auch diesen schwer traumatisierten Menschen zu helfen. Dr. Maggie Schauer, ebenfalls Uni Konstanz, stellte die Narrative Expositionstherapie (NET) vor.

Durch die spezifische Gedächtnisproblematik bei Traumafolgestörungen, komme es zum Fehlen der Verortung und Vergeschichtlichung der traumatischen Szenen. Um eine raum-zeitliche Rückbindung der traumatischen Erlebnisse zu erreichen, erlebe der Patient in der NET in chronologischer Reihenfolge erzählend, seine Lebensgeschichte wieder. Der Fokus liege auf den traumatischen Ereignissen und sozialen Verletzungen, wobei auch positive Erlebnisse und Kontakte als Ressource (wieder-) entdeckt werden.

„Im wertschätzenden therapeutischen Kontakt der NET kommt es zu korrigierenden Beziehungserfahrungen und zur Würdigung der Person und ihrer Biographie in einer Gesamtschau“, so Schauer.

Flüchtlinge: Herausforderung außergewöhnlicher Natur

Die angemessene Behandlung der vielen traumatisierten Flüchtlinge, „ist eine Herausforderung von außergewöhnlicher Natur“, meinte Elbert, der wie auch Schauer Erfahrungen in den Krisengebieten dieser Welt sammeln konnte. Seiner Schätzung nach würde ein Viertel unter solch massiven Traumatisierungen leiden, dass sie unter einer dauerhaften Disfunktionalität litten und dadurch nicht ohne weiteres integrierbar seien. „Wir haben aber zu wenig Fachkräfte, die das therapieren können“, befürchtet Elbert. 

Der soziale Faktor, die Menschen aus der Isolation zu holen und das Leid an zu erkennen, sei aber ganz wesentlich. Als Lösung plädierte Elbert dafür, geschulte Laien miteinzubeziehen. In Krisengebieten hätte man damit gute Erfahrungen gemacht.

30.04.2016 12:00:46, Autor: Aus Köln Ruth Bahners

Artikel vom 02.05.2016, aend