Berufsverband Deutscher Nervenärzte in Niedersachsen


BDN-Vorstand Meier über die neurologische Versorgungssituation "Beide Sektoren sind am Limit"
Die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen sind noch nicht lange aktiv. Deutlich wird jedoch jetzt schon: Termine bei bestimmten Fachgruppen sind besonders gefragt – beziehungsweise schwierig zu bekommen. Fast immer mit unter den begehrten Fachgruppen: die Neurologen. Warum ist das so? Der änd sprach mit Dr. Uwe Meier, Vorstandsmitglied des Berufsverbandes Deutscher Neurologen (BDN), über das Thema.



 

Mehrere Faktoren führen zu einem erhöhten Versorgungsbedarf, betont Meier.
© Zerbor/Fotolia.com Herr Dr. Meier, bei den Patienten, die sich an die neuen Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen wenden, stehen Neurologen-Termine offenbar immer sehr weit oben auf der Wunschliste. Warum ist gerade in diesem Bereich die Nachfrage so groß? Führt die Bedarfsplanung zu einer schlechten Verteilung der Ärzte Ihrer Fachgruppe? Lohnt es sich kaum noch für Neurologen, Kassenpatienten zu behandeln – oder fehlt der Nachwuchs?

Die letzten beiden Gründe schließe ich aus. Natürlich haben wir auch ein Nachwuchsproblem. Es gibt auch in der Tat schon vereinzelt Kollegen, die große Probleme haben, ihre Praxis erfolgreich an Nachfolger zu vermitteln. Aber diese Entwicklung führt noch nicht zu einer bedeutsamen Anzahl nicht besetzter Kassensitze und einer sinkenden Versorgungsleistung.

Falsch ist auch die These, dass wir keine Kassenpatienten mehr behandeln würden. Der Anteil an Privatpatienten ist statistisch eher gering und unserer Fachgebiet eignet sich nur in sehr geringem Umfang für IGeL-Leistungen. Es lässt sich vielmehr im Gegenteil statistisch belegen, dass wir in den vergangenen Jahrzehnten einen deutlichen Fallzahlzuwachs zu verzeichnen hatten. Selbst wenn andere Fachgruppen leichte Einbrüche – beispielsweise durch die Praxisgebühr – registrierten, gab es bei uns in jedem Jahr kontinuierlich Erhöhungen. Diese Entwicklung ist in den letzten Jahren gebremst worden, weil wir die Kapazitätsgrenzen erreicht haben. Ein Neurologe kann pro Tag halt nur eine begrenzte Zahl von Patienten behandeln. Wir haben uns praktisch asymptotisch dem Maximum genähert.


Wie erklären Sie sich diesen deutlich zunehmenden Versorgungsbedarf?

Es gibt zwei Hauptursachen für diese Entwicklung: Einerseits hat sich die Neurologie in ihren therapeutischen und diagnostischen Möglichkeiten enorm weiterentwickelt. Wir können immer mehr Patienten beziehungsweise verschiedene Erkrankungen behandeln. Aus einem vor 50 Jahren noch weitgehend diagnostischem Fach ist ein in therapeutisches Fach geworden. Das spiegelt sich natürlich auch im Versorgungsbedarf wider. Nehmen wir das Beispiel MS – da gab es in den vergangenen Jahren einen rasanten Zuwachs an neuen Immuntherapien, die im übrigen auch sehr versorgungsaufwändig sind. Ähnliches gilt im Bereich der neurovaskulären und der neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenzen und Parkinsonsyndrome sowie bei neurologischen Schmerzsyndromen. Eine zweite Hauptursache für den wachsenden Versorgungsbedarf ist eine demographisch bedingte Fallzahlzunahme. Viele neurologische Erkrankungen nehmen im Alter zu.


Überweisen die Hausärzte auch häufiger zu Ihnen als vor einigen Jahren – stellen Sie da einen Trend fest?

Da habe ich keine Statistik. Gefühlt – und das berichten mir auch Fachkollegen – ist die Überweisungsschwelle schon gesunken. Sicher gibt es da auch regionale Unterschiede.

Sinkt die Schwelle aus berechtigten Gründen?

Da schlagen natürlich zwei Herzen in meiner Brust. Nehmen wir mal den Kopfschmerz: Viele Fälle von Kopfschmerz- oder Schwindelsyndromen können auch hausärztlich behandelt werden. Einige Überweisungen sind da aus Sicht der Neurologen vielleicht voreilig. Auf der anderen Seite gibt es auch Red Flags, die es zu erkennen gilt oder Therapieentscheidungen, die einer dann schwer zu behandelnden Chronifizierung vorbeugen, was eine frühzeitige fachärztliche Konsultation rechtfertigt. Wenn aber zuweilen Synkopen-Patienten als erste Maßnahme eine Überweisung erhalten und noch nicht einmal ein EKG gemacht wurde, ist das schon fragwürdig.

Meier: "Wenn wir eine rational begründete Bedarfsplanung hätten, wäre das sicher ein großer Fortschritt."
© privat Registrieren Sie oft solche Fälle?

Hierüber gibt es keine Statistiken. Jeder Versorgungsbereich hat hier mit seinen eigenen Sachzwängen zu tun, wofür ich großes Verständnis habe. Ich halte eher einen gewissen Überweisungstourismus zur Schonung des Arzneimittelbudgets für bedenklich. Da kommen schon mal Patienten mit Sätzen wie: „Der Hausarzt hat gesagt, dass er das Mittel X nicht mehr verordnen darf“. Das kann man den Hausärzten natürlich nicht vorwerfen. Das sind Kollateraleffekte in unserem System, die zu Fehlallokationen führen. Da sollten Kassen und Politiker einmal genau hinschauen. Am Ende das Tages sind das ebenfalls Faktoren, die zu einem künstlich erhöhten Versorgungsbedarf führen.

...dem die Bedarfsplanung vermutlich nur unzureichend Rechnung trägt.

Wenn wir eine rational begründete Bedarfsplanung hätten, wäre das sicher ein großer Fortschritt. Wir haben aber nur historisch fixierte Daten, die der Realität in gar keiner Weise mehr gerecht werden, was sich in den Servicestellen jetzt auch widerspiegelt. Die meisten Regionen sind statistisch überversorgt – obwohl eigentlich ein großer Versorgungsbedarf besteht. Gleichzeitig wirft uns die Politik vor, wir behandelten zu viele Patienten. Das passt nicht zusammen.

Werden auch zunehmend Leistungen von der Klinik in den ambulanten Bereich verlagert?

In der Tat. Als ich meinen Facharzt gemacht habe, fanden noch sehr viel mehr neurologische Behandlungen ausschließlich an der Klinik statt. Das hat sich geändert. Die Verlagerung zum ambulanten Versorgungsbereich hat aber leider nicht dazu geführt, dass dort die Leistungskomplexe angepasst wurden. Nehmen wir die elektromyografische Untersuchungen. Die sind sehr zeitaufwändig – aber hoffnungslos unterbewertet. Das kann ein niedergelassener Kollege gar nicht mehr machen. Die Patienten werden dann doch wieder früh eingewiesen, weil es ambulant nicht mehr wirtschaftlich zu verantworten ist. Hier haben wir Vorschläge für dringend notwendige Nachbesserungen im neuen EBM gemacht.

Die Kliniken haben im Moment übrigens auch volle neurologische Betten und Versorgungsengpässe. Der erhöhte Versorgungsbedarf insgesamt wirkt sich dort natürlich auch aus. Beide Sektoren sind am Limit. Es kommt nicht selten vor, dass Patienten von Kliniken abgewiesen – und mit einem großen Aufgabenkatalog an die ambulanten Kollegen geschickt werden. „Dann macht mal“, ist die Devise.


Wie lassen sich diese Probleme Lösen. Was sind Ihre Forderungen – zum Beispel an die KBV?

Unsere Forderungen gehen eher an die Kassen und die Politik: Wir haben hier einen Versorgungsbedarf, den wir in beiden Sektoren nicht decken können. Wir brauchen eine rationale Bedarfsplanung. Da muss den Realitäten ins Auge gesehen und nachjustiert werden. Wir brauchen auch ein gutes Zusammenspiel zwischen dem ambulanten und dem stationären Sektor. Eine optimale Aufgabenteilungen lässt sich aber zur Zeit im Kollektivvertrag nicht realisieren. Wir brauchen intelligente Selektivverträge. Die Pläne dafür liegen in den Schubladen – wir haben auch einen Versorgungsvertrag mit der KBV erarbeitet. Es muss aber auch der politische Wille da sein, dies umzusetzen. Weiterhin brauchen dringend auch die ambulante spezialärztliche Versorgung. Statt sich rhetorisch nur die Bälle hin und her zu schmeißen, sollten die Beteiligten sich ein Stück aus ihren Sachzwängen lösen und die Ärmel hochkrempeln. Und ihnen sollte auch bewusst sein: Neurologische Patienten sind überwiegend schwer betroffene Patienten, die bei nicht optimaler Behandlung massive Folgekosten verursachen.


03.04.2016 22:19:28, Autor: js, © änd Ärztenachrichtendienst Verlags-AG
Quelle: https://www.aend.de/article/166872

Artikel vom 03.04.2016, www.aend.de/article/166872